Zum Inhalt springen

Spionage erkennen

Der Leiter Digitalisierung eines mittelständischen Unternehmens besucht eine Fachtagung zum Thema „Industrie 4.0“. Am Rande entsteht ein offenes, unverbindliches Fachgespräch mit einem anderen Tagungsteilnehmer, Kontaktdaten werden ausgetauscht. Zwei Wochen später erhält der Leiter Digitalisierung eine E-Mail: „Ich musste nach unserer Unterhaltung noch einmal an Ihr Industrie-4.0-Projekt denken und hätte dazu eine kurze Frage.“ Ein Satz, der harmlos klingt – und doch der Beginn einer gezielten Informationsbeschaffung sein kann.

Das imaginäre Beispiel verdeutlicht, was längst Realität ist: Ausländische Nachrichtendienste betreiben in Deutschland Spionage und setzen dabei auch auf menschliche Quellen.

Zum Inhalt springen

“Spionage und Sabotage sind real. Das Zusammenwirken von Sicherheitsbehörden und Wirtschaft entscheidet über eine effektive Abwehr.”

Dr. Maik Pawlowsky, Abteilungsleiter Cyber- und Spionageabwehr im BfV

Was ist Human Intelligence (HUMINT)?

HUMINT beschreibt die Gewinnung von Informationen mittels menschlicher Quellen. Zu diesem Zweck wählen Nachrichtendienste gezielt Personen aus. Diese verfügen über vertrauliche wirtschaftliche, wissenschaftliche, militärische oder politische Informationen, die für den Spionagezweck von Interesse sind. Die Personen selbst wissen oft nicht, wie wertvoll ihr Know-How für ausländische Nachrichtendienste ist.

 

Weitere Methoden der Informationsgewinnung

Neben HUMINT setzen ausländische Nachrichtendienste auch auf andere Techniken, um an Informationen zu gelangen:

  • Open Source Intelligence (OSINT): Informationsgewinnung aus öffentlich zugänglichen Quellen, z. B. Internetseiten, Social Media und gezielte Recherchen.
  • Signals Intelligence (SIGINT): Abhören und Auswerten von elektronischen Signalen.

Wie läuft eine Anbahnung ab?

Die nachrichtendienstliche Anbahnung (Anwerbung) lässt sich in mehrere Phasen unterteilen:

  1. Vorbereitung: Auswahl der Zielperson und Recherche (z. B. mittels OSINT).
  2. Erstkontakt/Aufbau: Der initiale Kontakt wird über geschäftliche oder private Begegnungen hergestellt. Eine vertrauensvolle, stabile Beziehung wird aufgebaut. Erst im Anschluss erfolgt eine Hinführung zu beruflichen Themen. Ggf. wird in dieser Phase bereits Druck auf die Zielperson ausgeübt.
  3. Abschöpfung: Die Zielperson wird um Informationen oder „fachlichen Rat“ gebeten. Der Informationsabfluss erfolgt nach und nach und bleibt oft unbemerkt.

 

Wie werden die Zielpersonen ausgewählt?

Grundsätzlich kann jede Person für eine Anbahnung in Frage kommen. Wichtig ist der mögliche Zugang zu bestimmten Informationen.

Dabei ist zu beachten, dass ausländische Nachrichtendienste über die nötigen Ressourcen und das Wissen verfügen, um sich gezielt auf ihre Zielpersonen einzustellen. Die Methoden, die dabei verwendet werden, können unterschiedlich sein und sich in ihrer Intensität und Dauer verändern. Oft gehen die Nachrichtendienste verdeckt vor, sodass die Zielperson entweder keinen Verdacht schöpft oder erst zu spät merkt, was vor sich geht.

 

Welche Motive verleiten Menschen zur Zusammenarbeit mit ausländischen Nachrichtendiensten?

  • Ideologie: Personen gehen aufgrund ihrer Weltanschauung auf das Angebot ein oder aus Loyalität zu ihrem Heimatland.
  • Belohnung: Für Informationen werden Anreize geboten, z. B. Geld, berufliche Positionen, Reisen oder Auszeichnungen.
    Kompromittierung: Sensible persönliche Daten werden genutzt, um Druck auszuüben.
  • Ego: Manche Personen sehen die Spionage als Möglichkeit, sich selbst wichtig zu machen, besonders bei beruflicher Unzufriedenheit oder mangelnder Loyalität.

Achtung: Insbesondere ausländische Arbeitskräfte aus autoritären Staaten oder Personen mit familiären Verbindungen in diese Länder können zusätzlich unter Druck gesetzt werden. Ihnen oder Ihren Verwandten werden im Heimatland medizinische Behandlungen, Reisegenehmigungen, eine Universitätszulassung etc. erschwert oder sogar verwehrt. Sie werden durch Ihr Heimatland aufgrund gesetzlicher Bestimmungen zur Zusammenarbeit verpflichtet. Bei Verweigerung drohen Sanktionen.

Wie schütze ich mich und meine Organisation?

Ein effektiver Schutz vor Spionage erfordert ein durchdachtes Konzept, das auf mehreren Ebenen ansetzt. Sowohl Unternehmen als auch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können durch präventive Maßnahmen einen wesentlichen Beitrag leisten.

 

Maßnahmen für die Geschäftsführung und Sicherheitsverantwortliche

  • Implementieren Sie ein Schutzkonzept und klassifizieren Sie Unternehmensdaten nach Vertraulichkeit.
  • Setzen Sie das „Need-to-know-Prinzip“ konsequent um.
  • Schaffen Sie ein angenehmes Arbeitsumfeld – zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind loyal.
  • Etablieren Sie eine konstruktive Fehlerkultur und klare Meldewege.
  • Schulen Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch hinsichtlich möglicher Anwerbeversuche durch Nachrichtendienste.

 

Maßnahmen für Beschäftigte

  • Seien Sie vorsichtig bei ungewöhnlichen beruflichen Angeboten oder Gefälligkeiten.
  • Verifizieren Sie die Identität von Personen, die Sie kontaktieren.
  • Schützen Sie Ihre persönlichen Daten, z. B. durch sichere Passwörter.
  • Seien Sie skeptisch bei ungewöhnlichen fachlichen Anfragen.
  • Wenden Sie sich bei Zweifeln an die Sicherheitsverantwortlichen oder die zuständigen Sicherheitsbehörden. 

 

Schutzkonzept

Die Erstellung eines wirksamen Schutzkonzepts umfasst die folgenden Schritte:

  • Durchführung einer Risikoanalyse: Identifizieren Sie schützenswerte Informationen und bewerten Sie deren Gefährdung.
  • Erstellung des Schutzkonzepts: Leiten Sie konkrete Schutzmaßnahmen ab.
  • Kontrollen und Anpassungen: Überprüfen Sie regelmäßig die Wirksamkeit der Maßnahmen und passen Sie das Konzept bei Bedarf an.

Informationsblätter zum Wirtschaftsschutz

Die Informationsblätter zum Wirtschaftsschutz klären anlassunabhängig über Gefährdungen der Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung auf. Dabei werden auch grundsätzliche Handlungsempfehlungen zur Erhöhung des Schutzniveaus formuliert.   

Die Blätter eignen sich besonders gut als begleitende Handreichung zu Sensibilisierungs- und Schulungsmaßnahmen.  

Cookies